Fernsehen macht dumm

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Der Sehapparat des Menschen ist keine „Kamera“ wie dies früher vermutet wurde, sondern besteht aus einem ständigen Zusammenspiel von Augenmuskulatur und Gehirn, das erst das fertige Bild im Bewusstsein des Sehenden entstehen lässt.

Diese schnellen Augenbewegungen sind keineswegs allgemeingültig. Ein Maler, ein Künstler oder Kunstsachverständiger führt im Gegensatz zum Kunstlaien völlig andere Augenbewegungen aus um z.B. ein Kunstwerk zu erfassen.

Weiterhin sind die Augenbewegungen stark mit dem restlichen Denk- und Bewegungsapparat des Körpers verknüpft, da das Sehen ja eine primäre Informationsquelle und damit Basis für Bewegungen und Denkprozesse darstellt. Man denke z.B. an die REM-Phasen beim Schlafen, in denen der Geist Eindrücke verarbeitet und sortiert – in dieser Phase bewegen sich die Augäpfel extrem schnell. (REM kommt aus dem englischen und bedeutet „Rapid Eye Movement“ – Schnelle Augenbewegungen). Ohne REM-Schlaf und die dort stattfindende Sortierung und Verarbeitung von Informationen kann der Mensch nicht überleben. Entzug des REM-Schlafes führt zu Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Angstzuständen usw.

Halten wir also fest, daß Augenbewegungen und Blickfixierungen essentieller Bestandteil der Informationsverarbeitung und der Persönlichkeitsentwicklung sind. Ohne ausreichende Bewegung des Sehapparats erschlafft das Denken und auch andere Bewegungen.

Aber zurück zum Fernsehen. Das Bild auf der Mattscheibe wird von einem Elektronenstrahl gezeichnet, der Punkt für Punkt zum Leuchten bringt und so Helligkeit und Farbe der wiederzugebenden Aufnahme auf den Schirm bringt. Dies geschieht 25 mal pro Sekunde, also über 13 Millionen Bildpunkte pro Sekunde bei europäischen Fensehgeräten (PAL Norm = 625 x 833 Bildpunkte). Dabei werden allerdings keine vollständigen Bilder erzeugt. Der Elektronenstrahl schreibt erst die geraden und dann die ungeraden Linien auf die Mattscheibe. So besteht das Fernsehbild aus unvollständigen Einzelbildern, von denen jedes 1/50 Sekunde zu sehen ist.

Das Auge des Menschen versucht nun beim Betrachten eines Fernsehers, bestimmte Punkte zu fixieren, wie es das im täglichen (Nicht-Fernseh-)Leben ständig tut. Nur gibt es beim Fernseher keine festen Punkte – jeder Punkt den das Auge fixieren möchte, wird sofort wieder vom o.g. Elektronenstrahl überschrieben. Die Augen können springen wie sie wollen, sie finden einfach kein Objekt das sie abtasten könnten um es zu untersuchen. Der Elektronenstrahl ist immer schneller.

Somit existiert auf der Mattscheibe eigentlich nur ein verschwommenes Gebilde sich ständig abwechselnder Lichtpunkte, die erst im Gehirn des Betrachters zu einem Bild zusammengesetzt werden.

Der Betrachter des Fernsehschirms stellt durch die ständig fehlschlagenden Fixierungsversuche jegliche Augenaktivität ein. Dies betrifft die Augenbewegungen die nötig sind um z.B. ein zweidimensionales Kunstwerk zu betrachten, wie auch die Bewegungen der Augäpfel für die „Tiefensicht“, also das Scharfstellen für unterschiedliche Entfernungen. Durch das erfolgslose Bemühen, einen Punkt zu fixieren und die folgende Einstellung der Augenbewegungen tritt der Betrachter in einen Zustand völliger Passivität ein. Der „Fernsehblick“ ist die Folge, also das stumpfe glotzen auf den Schirm. Daher wird der Fernsehapparat im Volksmund wohl auch „Glotze“ genannt.

Es wurden Vergleiche zwischen dem Lesen eines Buches und Fernsehen angestellt. Beim Lesen liegt die durschnittliche Anzahl der Augenbewegungen pro Sekunde zwischen 5,7 und 9,2. Beim Fernsehen dagegen nur 1 pro Sekunde – eine Verringerung um 90 %!

Geht aber die Augenaktivität gegen Null, überträgt sich die Starre der Augen auf den ganzen Körper, und selbst bewegungsfreudigste Kinder sitzen stundenlang still. Ärzte nennen das Bewegungsstau – eine grob verharmlosende Formulierung, die uns fragen lässt, ob hier nur Gedankenlosigkeit oder bewusste Irreführung vorliegt. Denn das Problem liegt doch nicht im Stillstand der Muskeln, sondern im Stillstand des Willens, der die Muskeln lenkt. Was hier geschieht, ist nichts Geringeres als ein Angriff auf die Willenskräfte des Menschen, von denen alle Eigenaktivität ausgeht. Aktivitätsverhinderung findet statt, Willensstau, und damit auch eine Ich-Verhinderung.

Weiterhin wirkt sich die Starre der Augenbewegungen auf die Hirnströme aus. Während der Mensch aktiv ist, etwas schreibt, liest, zeichnet oder ähnliches, sind im Gehirn hauptsächlich Beta-Wellen zu messen per EEG. Sobald die Augen aber stillstehen, werden die langsameren Alpha-Wellen aktiv und verdrängen die Beta-Wellen. Der Alpha-Zustand des Gehirns ist mit einer leichten Meditation vergleichbar, in dem ein leichterer Zugang zum Bewusstsein und Unterbewusstsein des Betreffenden möglich ist. Der Geist ist also offen für jegliche (Subliminal-)Botschaft, die jetzt über den Fernsehkanal ausgesendet wird…

Dieser von außen gesteuerte Zustand zwischen Wachen und Schlafen ist wohl am ehesten mit einer Hypnose vergleichbar, und tatsächlich zeigt das EEG während der Hypnose ganz ähnliche Symptome wie beim Fernsehen.

Das Erstarren der Augenbewegungen, der massive Rückgang der Betawellen im EEG, das Absacken der Stoffwechsel-Rate, die Verringerung der Herzfrequenz – das alles sind Anzeichen einer gewaltsamen Dämpfung der Eigenaktivität, die das Bewusstsein eigentlich sehr rasch in einen Dämmerzustand nahe dem Einschlafen führen müsste. Und das würde wohl auch eintreten, würde dem nicht von der Programmseite her entgegengewirkt. Seit es das Fernsehen gibt, stehen die Produzenten unter dem Zwang, immer aufs Neue die Aufmerksamkeit stimulieren zu müssen, um den Zuschauer wach zu halten. Häufige Schnitte, Um- und Überblendungen, Kameraschwenks und Zoombenutzung, Standort-, Situations- und Szenenwechsel sind dazu die probatesten Mittel. Sie sorgen dafür, dass der Zuschauer schwerelos wie im Traum durch Raum und Zeit gleiten kann, einmal aus der Vogelperspektive blickend, ein andermal aus der Froschperspektive, hier verweilend und dort verweilend, Einzelheiten fixierend, dann wieder ins Weite schweifend usw. Ein Traum ist es in der Tat. Denn faktisch rührt sich der Blick des Zuschauers nicht von der Stelle, und den willentlichen Griff in die Welt hinaus vollführt jetzt die Kamera. An ihrer Blickführung hängt das starrgewordene Auge wie die Marionette am Faden. Freilich wird das nicht bemerkt.Denn mit der gleichen Leichtigkeit und Freiheit, mit der sich das Auge außerhalb des Bildschirms nach allen Seiten wendet, wird es auch von der Kamera durch die Welt geführt; man muss nicht einmal den Kopf bewegen. Das aber heißt: Der Sehwille wird an die Maschine abgegeben, und die gaukelt der Marionette vor, es sei ihr eigener Wille, der hier tätig ist.

Systematische Untersuchungen über die Häufigkeit der Bildschnitte, Kameraeinstellungen, Zooms und Schwenks in Fernsehproduktionen wurden bisher nicht gemacht, wohl aber Stichproben, und die geben schon einigen Aufschluss, um welche Größenordnung es sich dabei handelt: Als durchschnittliche Schnitthäufigkeit wurden je nach Genre zwischen zwei und fünf Sekunden ermittelt. Objektiv ist das eine erstaunlich rasche Abfolge, subjektiv aber erlebt der Zuschauer sie als ganz normal; ihm fällt die Schnelligkeit der Wechsel gar nicht auf. Diese Beobachtung gibt Anlass zu der Frage, wie lange die Augen in natürlicher Umgebung maximal auf einem Fixationspunkt verweilen können, bevor sie zum nächsten weiter springen. In den führenden Fachbüchern schwanken die Angaben dazu zwischen zwei und etwa vier Sekunden.

Daraus folgt: Die Bildschirmregie des Fernsehens imitiert – ob bewusst oder nicht, mag dahingestellt sein – die natürliche Häufigkeit der Augenbewegungen durch ebenso häufige Schnitt- und Einstellungswechsel.

Daher bleibt es unbemerkt, wenn der Zuschauer die Regie von außen für seine eigene hält. Er verwechselt die aufgezwungene Blickführung mit freier Willensbetätigung und erliegt der Illusion, ganz wach und autonom zu sein – die Marionette vergisst die Fäden, an denen sie hängt.

Eine Weile vermag die Bildschirmregie mit solchen Mitteln die Aufmerksamkeit wach zu halten. Da sie aber vom Zuschauer keinerlei eigene Blickaktivität verlangt, gewöhnt sich der Zuschauer sehr bald an diesen paradoxen Zustand, der ihm bei völliger Untätigkeit die lebhafteste Bilderfülle beschert, und so erlahmt die Aufmerksamkeit von neuem.

Man wendet sich an einen uralten, tief in den unbewussten Schichten des Gehirns verankerten Reflex, der in natürlichen Situationen für gesteigerte Aufmerksamkeitsorgt, sobald ein unerwartetes Geräusch ertönt oder am Rande des Sehfeldes sich plötzlich etwas bewegt. Solche überraschenden Änderungen ziehen sofort die volle Wachheit auf sich, denn sie signalisieren eine mögliche Gefahr. Daher aktiviert der Körper seine Kräfte für eine eventuell notwendige Flucht oder Ausweichbe- wegung, indem er schlagartig Kortisol ausschüttet, ein Hormon der Nebenniere wie auch das Adrenalin.

Dieser von der Natur für den Notfall eingerichtete „Drogen“-Schuss tritt nun auch vor dem Bildschirm ein, sobald ein unerwarteter Wechsel in der Blickführung eintritt, und er tritt umso heftiger ein, je abrupter der Wechsel ist. Anders aber als in natürlichen Situationen ergreift der Zuschauer nicht die Flucht, sondern lehnt sich im Gegenteil wohlig zurück und genießt den prickelnden Schreckeffekt wie ein Aufputschmittel, das ihn wach macht.

Indessen stumpft die prickelnde Wirkung sehr bald ab, Gewöhnung tritt ein, und wieder muss die Dosis erhöht werden, d. h. Die Frequenz und Heftigkeit der Bildwechsel werden erhöht, die Überrumpelung des Zuschauers wird verschärft. Physiologisch dürfte das, wie Pearce 1998 vermutete, zu einer allmählichen Übersättigung mit Kortisol führen, und dann hat dieses nur für den Ausnahmezustand gedachte Hormon toxische Wirkung und versetzt den Körper in einen permanenten unterschwelligen Stresszustand. Stress seinerseits gilt heute als Hauptursache vieler Zivilisationskrankheiten.

Die Fernsehsucht ist also nicht nur eine Metapher, sondern ihr liegt tatsächlich ein physiologischer Suchtprozess zu Grunde.

Quellen:

http://www.evfk.de/CoMed-Artikel/0401_Gefrorener-Blick.html

4 Kommentare

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    im Rahmen meiner täglichen Arbeit als Sehlehrerin, kann ich viele Erfahrungen meiner KlientInnen im Zusammenhang Fernsehen/Augen beobachten.

    Die Lichtnahrung, die unsere Augen durch das Fernsehen empfangen, bewegen sich im Frequenzbereichen Rot, Blau und Grün. Dr. Ben Feingold fand heraus, dass die Lichtstrahlung des Fernsehens in Resonanz mit künstlichen Farbstoffen z. B. Phosphate geht. Die Wirkung der Phosphate verstärkt sich – z.B. bei hyperaktiven Kindern. Durchschnittlich sitzt der Mensch ca. 4 Stunden vorm Fernsehgerät, das bedeutet 2 Rem elektromagnetische Strahlung pro Tag. Diese Dosis kann krebsfördernd sein.

    Joe Groebel zählte in einer TV-Woche 2745 Gewaltszenen, das sind 25 Stunden pure Gewalt. Ein jugendlicher Amerikaner hat mit 16 Jahren ca. 16.000 Morde „gesehen“.

    Erich Körbler zeigte mittels kinesiologischen Muskeltest wie die Bilder, Gedanken etc. unser Nervensystem schwächen.

    Im Sinne „die Geister die ich rief…“

    Hilde Enzinger Sehlehrerin nach Dr. Roberto Kaplan

  2. guten tag,

    fernsehen macht nur dumm, wenn vorher schlau da war.

  3. sehr guter artikel!

    schade das ich ihn erst jetzt gelesen habe.

    soviel info in einem text hatte ich zu diesem thema nun noch nicht. sehr aufschlussreich :> danke

  4. Pingback: Television

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